Oder: Die Sache mit den Warnschildern.
Auf unserer Hunderunde gibt es ein Schild, das ich inzwischen auswendig kenne: „Achtung, hier ist kein Hundeklo.“ Eddie steuert trotzdem mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit genau diese Stelle immer wieder an. Nun kann man zu seiner Verteidigung sagen, dass er nicht lesen kann. Zumindest hat er das bisher sehr überzeugend verborgen. Und doch entsteht jedes Mal der Eindruck, als hätte er das Schild aufmerksam studiert und beschlossen, die Sache noch einmal kritisch zu prüfen.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Witz. Mein Hund kann die Botschaft gar nicht lesen. Ich schon. Und während er unbeirrt seiner Nase folgt, beschäftige ich mich erstaunlich oft mit den Warnschildern in meinem Kopf:
„Das darf jetzt nicht schiefgehen.“ „Mach bloß keinen Fehler.“ „Pass auf.“ (Auch gerne ein guter Hinweis für Kinder.)
Auch wenn sie nicht am Wegesrand stehen, begleiten sie manche Gespräche, Entscheidungen und Projekte erstaunlich zuverlässig.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, wer von uns beiden eigentlich leichter unterwegs ist.
Warnschilder haben einen guten Grund. Sie wollen Orientierung geben und verhindern, dass etwas passiert, das besser nicht passieren sollte.
Spannend wird es jedoch dort, wo sich unsere Aufmerksamkeit immer mehr auf das richtet, was nicht passieren soll.
Das findet unser Gehirn super:
„Bloß nicht stolpern.“ Und schon sieht man die Kante.
„Mach keinen Fehler.“ Und plötzlich steht der Fehler mitten im Raum.
Vielleicht erklärt das auch, warum viele gut gemeinte Hinweise eine merkwürdige Nebenwirkung haben. Sie lenken den Blick sehr genau auf das Problem und nicht auf das, was entstehen soll. Eben nicht auf die gewünschte Wirkung, sondern auf das Risiko.
Mein Hund beschäftigt sich offensichtlich nicht mit solchen Gedankenspielen.
Eddie folgt dem, was er wahrnimmt. Wir Menschen allerdings folgen oft dem, was wir befürchten.
Auch im Arbeitsalltag sehe ich das immer wieder. Teams wollen gute Arbeit leisten, Projekte sollen gelingen und Entscheidungen sollen tragfähig sein. Und trotzdem kreisen viele Gespräche vor allem um das, was vermieden werden muss: keine Fehler, keine Kritik, keine Irritation und bloß keine Überraschungen.
Die Absicht dahinter ist nachvollziehbar, denn natürlich plant niemand bewusst schlechte Ergebnisse. Doch zwischen Absicht und Wirkung entsteht manchmal ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Wer ständig darauf achtet, nichts falsch zu machen, richtet seine Aufmerksamkeit auf mögliche Fehler.
Wer sich dagegen mit der Frage beschäftigt, welche Wirkung entstehen soll, schaut in eine andere Richtung.
Die Situation bleibt dieselbe, aber der Fokus verändert sich. Es wirkt anders, wenn Menschen eine Richtung vor Augen haben statt ein Warnschild. Die möglichen Fehler bleiben Teil des Weges, aber sie werden nicht zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Vielleicht sind innere Warnschilder wie Straßenlaternen. Sie beleuchten immer genau das, wovor wir Angst haben.
Das Problem ist nur: Wenn wir immer wieder auf denselben Punkt schauen, bekommt er mehr Bedeutung, als ihm eigentlich zusteht. Der mögliche Fehler wird groß und die Möglichkeiten daneben werden leicht übersehen.
Eddie sieht das vermutlich anders, denn er kann nicht lesen. Deshalb verpasst er viele Warnhinweise. Manchmal frage ich mich, ob nicht genau darin ein kleiner Vorteil liegt.
Welches innere Warnschild beschäftigt dich gerade mehr als die Richtung, in die du gehen willst?
