Oder: Warum der Trainer kein Tor schießt?
Zur Weltmeisterschaft hatte Frauchen eine Idee.
Offenbar fand sie, dass meine braunen Punkte für ein internationales Fußballturnier nicht ganz ausreichen. Also bekam ich ein paar bunte dazu. ;)) Nicht viele, aber genug um aufzufallen. Seitdem werde ich häufiger angeschaut. Menschen lächeln und zeigen auf mich. Was soll denn das jetzt? Eine berechtigte Frage, wenn man ehrlich ist. Ich bin natürlich trotz der zusätzlichen Farben derselbe Hund geblieben. Nur die Punkte fallen jetzt mehr ins Auge. Sonst nichts.

Und während die Welt in den kommenden Wochen auf Punkte, Tabellen und Tore schaut, musste ich daran denken, wie schnell unsere Aufmerksamkeit bei dem landet, was sichtbar ist.
Bei einer Weltmeisterschaft sind das die Tore, denn sie entscheiden Spiele und liefern die Bilder, die bleiben. Wenn ein Ball im Tor landet, richtet sich der Blick fast automatisch auf den Menschen, der ihn geschossen hat. Dabei beginnt ein Tor selten in diesem Moment, sondern oft sehr viel früher. Vielleicht mit einem Pass, mit einem Laufweg, mit jemandem, der einen Gegenspieler stellt oder mit einer Situation, die Raum schafft, damit etwas entstehen kann.
Der Treffer ist sichtbar, aber seine Entstehung deutlich weniger.
Und genau deshalb könnte manchmal der Eindruck entstehen, Erfolg sei das Werk Einzelner. Aber wir wissen das natürlich besser…
Auch in Organisationen begegnet mir dieser Gedanke. Wenn etwas gelingt, suchen wir nach den Menschen, denen wir den Erfolg zuschreiben können. Wer hatte die Idee? Oder wer hat entschieden? Wer trägt die Verantwortung? Nicht selten landet der Blick dabei zuerst bei der Führungskraft. Oft ist die Geschichte einfacher, wenn diese an einzelne Personen geknüpft ist. Vielleicht auch, weil Führung einfach sichtbarer ist.
Dabei erinnert mich gute Führung eher an einen Trainer während eines Spiels.
Er steht am Spielfeldrand, er beobachtet, er gibt Orientierung, erkennt Muster und schafft Bedingungen, unter denen eine Mannschaft ihr Spiel entwickeln kann. Aber er spielt nicht selbst. Die entscheidenden Situationen entstehen auf dem Feld. Dort, wo Menschen miteinander statt nebeneinander arbeiten. Wo Vertrauen wichtiger wird als Kontrolle. Dort, wo Verantwortung nicht bei einer Person endet, sondern von vielen getragen wird.
Gerade bei großen Turnieren (aber auch im lokalen Heimverein) lässt sich das gut beobachten. Die erfolgreichsten Mannschaften bestehen nicht zwangsläufig aus den besten Einzelspielern. Oft wirken sie vor allem deshalb stark, weil sie als Mannschaft funktionieren. Weil jeder seinen Beitrag leistet und weil niemand allein gewinnen muss. Und wenn ich etwas in meiner Freizeit beobachte, dann sind es Fußballspiele. :)
Vielleicht erinnern mich Eddies bunten WM-Punkte genau daran: Die Punkte fallen ins Auge, aber das Muster entsteht dazwischen. Ein Tor zieht Aufmerksamkeit auf sich, doch ein Sieg entsteht erst durch das Zusammenspiel. Der Torschütze macht vielmehr sichtbar, was die Mannschaft vorher möglich gemacht hat.
Die Mannschaft entwickelt das Spiel. Der Trainer begleitet es. Und manchmal lernt er dabei mehr, als er vorher vermitteln wollte.
Siehst du nur das Tor? Oder auch das Zusammenspiel dahinter?
