Eddie lernt gerade Fahrradfahren.
Für ihn eine völlig neue Situation und für uns beide eine neue Form der Zusammenarbeit. Eddie weiß noch nicht, was Fahrrad bedeutet und kennt somit weder die Dynamik noch die möglichen Risiken. Also beginnen wir langsam, denn ich habe viele Gedanken dabei: Was passiert, wenn er zu nah kommt? Wenn eine Pfote in die Speichen gerät oder er sich erschreckt? Wir starten deshalb mit „Trockenübungen“ ohne Tempo und ohne Druck. Einfach die neue Situation und das Fahrrad kennenlernen.
Der erste Schritt: Erst einmal neben dem Fahrrad gehen, sich orientieren, Abstand halten und verstehen, was das Ding mit zwei Rädern neben ihm überhaupt ist.
Zweiter Schritt: Wir starten den ersten Versuch in Bewegung. Natürlich alles mit Leine. Und was soll ich sagen: Es funktioniert und sogar besser als erwartet. Wir drehen die ersten Runden, er schaut auf mich, versucht sich zu orientieren.
Doch mit der Bewegung kommt auch etwas Anderes.
Eddie will mehr: schneller, weiter, mehr Tempo. Er beginnt zu ziehen, läuft auf Höhe des Vorderrads und überholt mich fast. Eddie gibt definitiv das Tempo vor. Und ich bemerke, dass ich selbstverständlich bremse. Ich will ihn nicht unbedingt zurückhalten, aber ich spüre, dass er das Tempo neben dem Fahrrad noch nicht einschätzen kann. Er kennt die Situation noch nicht ausreichend und hat mit der Geschwindigkeit an der Leine am Fahrrad und dem nötigen Abstand noch zu wenig Training. Für ihn ist es „nur“ Bewegung, aber für mich ist es Verantwortung.
Nun folgt der Schritt, der mich nachdenklich gemacht hat. Wie oft entsteht eigentlich Geschwindigkeit, bevor Orientierung da ist? Wie oft wollen wir schneller werden, bevor wir die Situation wirklich verstanden haben?
Eddie zeigt mir sehr klar, dass Motivation nicht das Problem ist. Auch nicht das Tempo, aber beides zusammen braucht einen Rahmen: Zeit und Erfahrung. Ich kann einerseits nicht einfach laufen lassen und hoffen, dass alles gut geht. Andererseits kann ich ihn auch nicht komplett bremsen.
Es geht um Abstimmung. Balance zwischen Motivation und Sicherheit.
Im beruflichen Kontext sind ähnliche Dynamiken zu erleben. Mitarbeiter*innen sind motiviert, Teams wollen vorankommen und Projekte sollen Fahrt aufnehmen. Tempo wird oft als Fortschritt verstanden, aber ohne Orientierung bringt es auch Risiken mit sich. Möglichweise eine Fehlentscheidung, Überforderung oder unklare Abstimmung.
Führung zeigt sich nicht darin, Tempo zu erzeugen, sondern das richtige Tempo zu halten und ein Gefühl dafür zu haben, wann es sinnvoll ist, laufen zu lassen oder aber bewusst zu bremsen. Nicht aus Kontrolle, aber aus Verantwortung.
Genau darin sehe ich die Herausforderung. Zwischen Motivation und Sicherheit die Balance zu halten, zwischen „einfach machen“ und „bewusst entwickeln“.
Eddie wird lernen, an und neben dem Fahrrad zu laufen. Mit jedem Tag und jedem Schritt mehr. Mit jeder Erfahrung sicherer, weil er nach und nach versteht, was er tut und nicht, weil er schneller wird.
Wo entsteht in deinem Alltag gerade Tempo? Und was braucht es noch an Orientierung, bevor Tempo sinnvoll wird?
